Mehr Verantwortung will jeder – Konsequenzen tragen auch?

Tina Bestehorn und Elke Vorholt – Manager und Politiker streben stets nach mehr Verantwortung. Mehr Personal-, Budget-, Projekt- und Betriebsverantwortung. Sie wollen sich weiterentwickeln. Zudem verleiht mehr Verantwortung immer auch zusätzliche Einflussmöglichkeiten – und wer möchte diese nicht?
Laut einer Studie eines Karriereportals legt jeder Dritte hohen Wert auf einen erweiterten Verantwortungsbereich.
 
Doch ob BP-Desaster, Loveparade, Lehman Brothers oder Bundespräsidentenamt: Sobald Pannen passieren oder sich Widerstand formiert, entpuppt sich der wahre Sinn des Wortes „Verantwortung“: Der Begriff stammt vom Mittelhochdeutschen „verantwürten“, was in seiner ursprünglichen Bedeutung nicht weniger heißt, als „sich als Angeklagter vor Gericht verteidigen.“
 
Die Ankläger – das sind heutzutage die Mitarbeiter, Gewerkschaften die Vorgesetzten, die Gesellschaft aber auch die Medien. Sie verlangen zum einen Visionen und Weitblick. Sie verlangen aber auch Rechenschaft für das Handeln ihrer Führungskräfte und Politiker. So fordert die Mehrzahl laut der „Allianz Verantwortungsstudie 2010“, die Wirtschaft sollte bei der Lösung gesellschaftlich relevanter Probleme mehr Verantwortung übernehmen.
 
Verantwortung kennt viele Facetten. Dazu gehört, nicht nur in guten Zeiten eine Vorbildfunktion auszuüben und Probleme abzuwenden. Gerade in Krisenfällen bedeutet Verantwortung auch, mit Souveränität eigene Fehler einzugestehen, Mitarbeiter in Schutz zu nehmen, Probleme zu lösen - und einen „Plan B“ in der Tasche zu haben, um zu wissen was zu tun ist, wenn ein Lösungsweg so nicht mehr erkennbar ist.
 
In unserer Praxis als Personalberatungsunternehmen erleben wir täglich, dass potentielle Kandidaten sich von einem neuen Job mehr Verantwortung versprechen – ohne sich klar zu machen, dass es sich dabei um deutlich mehr handelt, als den schönen Schein eines Vorgesetztendaseins. Kaum einer der Bewerber hinterfragt, ob sie dieser Rolle auch in schlechten Zeiten gewachsen wären: Beherrschen sie das kleine Einmaleins der Krisenkommunikation gegenüber allen Beteiligten – Unternehmen (z. B. Aufsichtsrat, Mitarbeiter), Öffentlichkeit und nicht zuletzt der Presse (Sachverhalt erklären, konkrete Reaktion darstellen, Plan zur Verhinderung in der Zukunft darlegen)? Können sie als Vorgesetzter dann noch ein glaubhaftes Vorbild sein? Viele haben sich darüber tatsächlich noch nie Gedanken gemacht. Doch gerade in Krisenzeiten können ein professioneller Umgang mit kritischen Situationen und individuelle Medienkompetenz gewaltigen Schaden vom Unternehmen und von der eigenen Person abwenden.
 
Ein Zeichen von Verantwortung ist es auch, einen „Plan B“ in der Tasche zu haben, falls eine Krise aus dem Ruder läuft, wenn sie die individuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten überschreitet. Wer kann zusätzlich eingebunden werden, neue Impulse setzen, vertrauensvoll vermitteln?

Zu diesen Fähigkeiten gehört die Kunst, intern zu verdeutlichen, dass Krisenbewältigung im ersten Schritt vor allem Schadenbegrenzung im Sinne des Unternehmens bedeutet. Denn die viel zitierte Krise als Chance ist zumindest im Anfangsstadium eine Mär.
 
Nicht selten wird Verantwortung verwechselt mit der Bereitschaft zum raschen Rücktritt, wenn etwas so richtig schief geht. Doch es ist ein Zeichen von Stärke und nicht von Schwäche, dieser nahezu reflexartigen Forderung von Medien und Öffentlichkeit zu widerstehen und das Krisenmanagement in die eigenen Hände zu nehmen. Ein Rücktritt sollte immer nur die Ultima Ratio sein. Ansonsten bedeutet dieser Schritt nichts anderes, als sich aus der Verantwortung heraus zu stehlen.
 
Zugegeben: In seltenen Fällen kann ein Abgang von der großen Bühne auch ein besonders starkes Zeichen von Verantwortung sein. Dann nämlich, wenn die Lage so verfahren ist, dass die Öffentlichkeit und vielleicht auch die Belegschaft einen Sündenbock brauchen und der Rücktritt Schaden vom Unternehmen abwendet. Oder wenn ein eklatanter Fall persönlichen Fehlverhaltens vorliegt. Wer grundsätzlich bereit ist, diesen Weg zu gehen, sollte sich schon in guten Zeiten mit einem solchen Szenario befassen und – zumindest theoretisch - eine berufliche Fallback-Option aufbauen.
 
Wer sich dessen bewusst ist, kann die übernommene Verantwortung auch tatsächlich tragen und einer erfolgreichen Karriere steht – mit oder ohne Krise – nichts mehr im Wege.


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